Österreichische Künstlerinnen 1890–1938

Prolog

 Die Probe aufs Exempel ist ganz einfach: Nehmen sie das Stichwort »Wien um 1900« und assoziieren Sie damit schnell und ohne lange zu überlegen ein paar Namen. Wer fiel Ihnen ein? Gustav Klimt wahrscheinlich, Egon Schiele vielleicht, Sigmund Freud bestimmt und dann auch noch Arthur Schnitzler oder Josef Hoffmann – und ein paar andere mehr oder minder berühmte Künstler jener faszinierenden Epoche, die von ungefähr 1890 über die Bruchlinie von 1918 bis zur absoluten Zäsur 1938 dauerte.

KünstlerINNEN, die in eben dieser Epoche in Österreich großartige Werke schufen, die malten und Marmorskulpturen meißelten, Räume gestalteten, Möbel entwarfen, fotografierten und mit all dem in vielerlei Hinsicht erstaunlich innovative Wege beschritten, waren wahrscheinlich nicht Teil der assoziativen Namensliste.

Gründe für diesen kognitiven Leerraum gibt es viele. In erster Linie ist es das gewaltvolle Zerbrechen jeglicher Kontinuität zwischen 1938 und 1945. In diesen sieben Jahren verschwand aus dem Bewusstsein der Österreicher nahezu alle Spuren dessen, was zuvor Staunen, Bewunderung, manchmal auch Skandale und Aufregungen ausgelöst hatte. Gleichgültig, ob es sich um bildende Kunst, Musik oder um die Erforschung der menschlichen Seele handelte: Viele mussten fluchtartig das Land verlassen, manche gingen in eine Art inneren Emigration, viel zu viele wurden von den Nazis ermordet.

Und danach? Niemand interessierte sich für Klimt, Schiele und Co., niemand für Freud oder Hofmannsthal oder Gustav Mahler. Sie waren fast vergessen, die Kunstwerke, ihren einstigen Besitzern oft geraubt, verstaubten in Archiven. Wer damals klug war und ein Auge für große Kunst hatte, konnte eine Zeichnung von Klimt für ein Butterbrot, ein Autograf von Gustav Mahler geschenkt bekommen. Gratis obendrein gab es vielleicht einen Holzschnitt von Fanny Harlfinger-Zakucka oder ein Bild von Broncia Koller-Pinell, deren Namen vollständig vergessen waren. Es sollte Jahre dauern, bis die Kunst und die anderen Errungenschaften der Jahrhundertwende und besonders jene der Zwischenkriegszeit wieder jenen Stellenwert bekamen, der ihnen zusteht. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis man sich der Künstlerinnen entsann, die zur gleichen Zeit gearbeitet hatten.

Grenzüberschreitungen

Gesellschaftlich und (auch legistisch) waren die Rollen um 1900 ebenso eindeutig wie einfach verteilt. Männer beherrschten alle Terrains, Frauen waren ihnen in jeder Hinsicht untergeordnet. Männer schufen Kunst, Frauen standen Modell. Männer machten Politik, Frauen hatten sich allen dort getroffenen Entscheidungen ohne Widersprüche zu fügen. Über die Ränder dieser stereotyp-dualistische Schablone hinaus zu zeichnen, war ein Kraftakt sondergleichen. Als Frau in diesem Zeitgeist andere, neue, selbstständige und unabhängige Wege zu beschreiten, verlangte enorme Energie und ebensolche Hartnäckigkeit, erforderte Durchhaltevermögen und Risikobereitschaft. Von Frustrationstoleranz ganz zu schweigen.

Was für Bildung und Politik galt, bestimmte auch die Kunst: Frauen war der Zugang zur Akademie verwehrt, sie konnten lange Zeit in keinem der Kunstverbände Mitglieder werden – weder im Künstlerhaus noch in der Secession, noch im Hagenbund –, und ging es um Preise, staatliche Subventionen oder die Teilnahme an Ausstellungen, so waren es ausschließlich Männer, die in den Jurys saßen. Und gelang es Frauen, ihre Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren, dann waren es lange Zeit Männer, deren Rezensionen über Wohl und Weh der Künstlerinnen zu entscheiden versuchten. Weibliche Kreativität wurde dabei zumeist wahlweise verniedlicht, marginalisiert oder überhaupt verdammt.

Doch an Scheidewegen stehen keine Hinweisschilder, und wo viele Männer (beileibe nicht alle!) am Alten festhielten, gingen viele Frauen weiter und wagten und erprobten. Um von den Jurys unabhängig zu werden, gründeten sie ihre eigenen Verbände mit ihren eigenen Hängekommissionen. Sie verfassten selbst Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften und eroberten sich so langsam in allen Bereichen der Kunst ihr eigenes Terrain.

Neue Wege

Dass die Künstlerinnen der Zeit um 1900 und besonders jene der Zwischenkriegszeit dennoch nahezu vollständig in Vergessenheit gerieten, ist nicht zuletzt der Kunstgeschichtsschreibung und der Ausstellungspolitik anzulasten, die sich sehr lange fast ausschließlich auf Künstler konzentrierte, bevor die Künstlerinnen wiederentdeckt wurden. Seit einigen Jahren schließt sich diese Lücke. Am Beginn stand die umfangreiche Forschungsarbeit der Kunsthistorikerin Sabine Plakolm-Forsthuber, die mit ihrer Habilitationsschrift Künstlerinnen in Österreich 1897–1938 die Thematik ebenso breit wie tiefgehend verarbeitete. Das war bereits Ende der 1990er-Jahre. Etwa zur gleichen Zeit begann die Fotohistorikerin Monika Faber, (auch) die weibliche Fotografiegeschichte aufzuarbeiten. Schließlich folgten die großen Ausstellungshäuser: Die Kuratorinnen Andrea Winklbauer und Sabine Fellner gestalteten 2016 im Jüdischen Museum in Wien mit Die bessere Hälfte eine umfassende Schau, in der jüdische Künstlerinnen an der Schwelle zur Moderne präsentiert wurden. Im Jänner 2019 wurde im Wiener Belvedere Die Stadt der Frauen – ebenfalls von Sabine Fellner kuratiert – eröffnet. Den Titel hatte man sich bei Christine de Pizan geliehen, der leider ebenfalls nahezu vergessenen französischen Autorin und Gelehrten aus dem Mittelalter. Gezeigt wurden in beiden Ausstellungen weitgehend unbekannte Künstlerinnen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die etwas Wesentliches verband: Sie haben ein unverzichtbares Stück Kunstgeschichte geschrieben. Sabine Plakolm-Forsthubers Forschungsergebnisse wurden zum Grundlagenklassiker, die beiden Ausstellungen entwickelten sich zu Besuchermagneten. Seither bewegt sich in dieser Hinsicht mit Ausstellungen und Publikationen einiges in eine erfreuliche Richtung.

Künstlerinnen dieser Epoche ins Bewusstsein zu rufen, damit die zu Beginn gestellte Frage endlich auch mit den Namen von Künstlerinnen beantwortet werden kann, dazu soll dieses Buch einen Teil beitragen. Ich habe elf Künstlerinnen ausgewählt – nicht beliebig, aber subjektiv – und sie mit ihren Biografien in einen gesellschaftlichen und zeitlichen Kontext zu fügen versucht. Ich habe diesen Frauen mit ihrer unendlichen schöpferischen Kraft und auch den zuvor genannten Autorinnen und Kuratorinnen (und noch einigen mehr, die Sie in der Bibliografie finden) großen Erkenntnisgewinn, besonders aber sehr viel Freude zu verdanken.

Aus: Wie wir es sehen. Österreichische Künstlerinnen 1890–1938

Die Abbildung

Fanny Harlfinger-Zakucka, Schablonendruck aus dem Bilderbuch der Kunstschule für Frauen und Mädchen, 1901

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